Der Thurgau - künftig Bob-Mekka?

16.04.1998

Thomas Handschin und Markus Nüssli, Bobfahrer mit guten nationalen und internationalen Perspektiven

Der Thurgau - ein Bobkanton? Dass gleich zwei Thurgauer Fahrer in unterschiedlichen Schlitten an den Olympischen Winterspielen im japanischen Nagano dabei waren, entsprang jedoch eher dem Zufall.

Rudolf Käser

Man nehme schnelle Leichtathleten, welche 90 oder mehr Kilogramm Gewicht aufweisen - für eine gute Bobcrew sieht es damit schon nicht schlecht aus. Beide Erfordernisse besitzen der Amriswiler Thomas Handschin sowie der Silbermedaillengewinner von Nagano, Markus Nüssli aus dem thurgauischen Berg. Beide kommen aus der Leichtathletik von der Sparte Zehnkampf, beide qualifizierten sich für Winterolympiade, beide sassen schon im selben Bob, und beide könnten sich durchaus vorstellen, dereinst wieder im selben und warum nicht sogar in einem reinen Thurgauer Bob zu sitzen.

Erlebnis Japan

Sowohl Handschin wie Nüssli zeigten sich beeindruckt von den Olympischen Spielen in Nagano. «Ich bin überrascht, dass die Saison nach so vielen Hürden mit der Olympiaqualifikation noch so erfolgreich geworden ist», zog Thomas Handschin eine positive Bilanz. Der Amriswiler dachte dabei an den Sturz von Christian Reich mit dem Zweierbob in St. Moritz und die Verletzungsfolgen, an interne Selektionen oder an die Ausscheidungsrennen, welche sein Team gegen Reto Götschi fahren musste. «Es war ein einmaliges Erlebnis, für das sich jede Minute Trainingsschinderei lohnte», stellt der fröhliche, 24jährige Amriswiler fest. Geprägt wurden die Japan-Eindrücke bei Markus Nüssli besonders durch den Gewinn der Silbermedaille im Bob von Marcel Rohner. «Als wir nach dem ersten Renntag nur an achter Stelle lagen, haben wir höchstens noch mit einer kleinen Chance für Bronze gerechnet», erzählt der 27jährige Berger.

Weltcup nächstes Ziel

Thomas Handschin wird in der neuen Saison wahrscheinlich im selben Team, also mit Christian Reich starten. Geklärt ist auch die Situation für Markus Nüssli. Er macht ebenso weiter wie Marcel Rohner und Markus Wasser. Gesucht wird lediglich ein Ersatz für Thomas Schreiber. Zumindest 1998/1999 wollen Nüssli und Handschin weitermachen und erst dann weitersehen. Für beide wird die künftige berufliche Orientierung ein wichtiger Faktor darstellen, denn zu verdienen gibt es im Bobsport gar nichts. Sowohl das Team von Christian Reich als auch jenes von Marcel Rohner will, das steht allerdings schon jetzt fest, alle Kraft in den prestigeträchtigen Gesamtweltcup investieren.

Vision «Bobteam Thurgau»

Beide Thurgauer Bobkoryphäen wurden von Philipp Berger, einem Schaffhauser Bobpiloten, für den Bobsport entdeckt. Thomas Handschin begann im Jahre 1994, Markus Nüssli 1992 mit dem Sport auf schnellen Kufen. In den Jahren 1994 und 1995 sassen die beiden Thurgauer mit Philipp Berger sogar im selben Bob. 1996 wechselte Handschin dann zu Christian Reich, seiner Meinung nach die richtige Rochade: «Ich habe jedenfalls das Gefühl, am richtigen Ort gelandet zu sein.» Markus Nüssli wechselte seinerseits zu Marcel Rohner. Auch wenn sich die Bobwege der beiden Thurgauer trennten, so könnten sie sich ohne weiteres einmal als Partner im gleichen Bob vorstellen. «Interessant wäre in der Tat ein reiner Thurgauer Bob. Einen Bremser finden, wäre realistisch, etwas schwieriger könnte sich dagegen die Suche nach einem Piloten und vor allem einem Sponsor gestalten», sinniert Markus Nüssli. Thomas Handschin kann dieser Idee sofort Positives abgewinnen. Er sähe damit die Chance der Trainingsvereinfachung, der kürzeren Wege und nicht zuletzt der Kosteneinsparungen.

Nüssli bereits «verewigt»

Der «Spiral» Bobrun in Nagano brachte Markus Nüssli eine grosse sportliche Genugtuung, Thomas Handschin wenigstens ein riesiges Erlebnis. Der Amriswiler musste nämlich mit seinem Bob durch die Qualifikationsmühle, was möglicherweise für das Olympiarennen Substanz kostete; dennoch war für beide der Trip nach Japan eine Reise wert. Nüssli ist übrigens in seiner Wohnortgemeinde Berg mit Ehrungen überhäuft worden; flugs wurde ein Weg in «Markus-Nüssli-Weg» umbenannt. Für Thomas Handschin bleiben solche Aktivitäten noch Wunschdenken.


Aus dem Tagblatt vom 16.04.1998
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