Handschin vom Bob-Fieber gepackt

21.08.1996

Der 23jährige Amriswiler Leichtathlet gehört zum Reich-Vierer

Auf der Thurgauer Leichtathletik-Bühne ist Thomas Handschin vor allem als Zehnkämpfer bekannt. Jetzt strebt er nach internationalen Ehren und hat sich dem Vierbob von Christian Reich angeschlossen. Wie setzt der am 28. November 1973 geborene seine Prioritäten: "In diesem Jahre fahre ich nur Bob".

Ruedi Stettler

Nach den Thurgauer-Meisterschaften hat Thomas Handschin das Thema Leichtathletik für 1996 bereits abgeschlossen, ohne sich in einem Mehrkampf versucht zu haben.

Der 23jährige begründet seinen Entscheid wie folgt: "Ich will wissen, was herausschaut, wenn ich mich voll auf eine Sportart konzentriere. Der letzte Bob-Winter dauerte recht lange. Daher war ein Monat Pause angesagt, just im April/Mai, wenn in der Leichtathletik bereits die ersten Wettkämpfe angesagt sind. Beides verträgt sich schlecht. Also habe ich gehandelt."

Als Bremser im Einsatz

Pilot des Vierers ist der Aargauer Christian Reich. Fast noch bekannter in diesem Schlitten ist der Eschenbacher Steve Anderhub, ein exzellenter Nationalturner. Roger Graber stammt aus Olten und Thomas Handschin wohnt nach wie vor in Amriswil, arbeitet aber bei der Helvetia/Patria-Versicherung in Frauenfeld. Warum sattelt er auf Bob um? Er lacht lange und herzlich: "Hätte mir früher jemand gesagt, ich würde auf diese Sportart bauen, hätte ich wohl an seinem Verstand gezweifelt."

Werner Dietrich gab den Tip

Handschin tauchte als einer der jüngsten Athleten im Bobsport auf. Den Rat erhielt er von einem, der im Thurgau schon unheimlich viel hervorragende Nachwuchs-Arbeit geleistet hat, Werner Dietrich. Der Mann, der schon Werner Dietrich und Mirko Spada zu Stars geformt hat, ist einmal mehr Wegbereiter und bleibt wie bisher vorwiegend im Hintergrund.

Zuerst mit Philip Berger

"Dietrich hat mir oft gesagt, dass mein Potential für einen Bobfahrer prädestiniert sei. Sämtliche Übungen, welche beim Bremsertest wichtig sind, absolvierte ich immer bestens. Irgendwann hat es sich ergeben, dass mich der Schaffhauser Bobpilot Philip Berger an den thurgauisch/schaffhausischen Leichtathletik-Meisterschaften anfragte, ob ich nicht zu Trainings mit seinem Team kommen wolle. Weil mir die neue Aufgabe auf Anhieb gefiel, machte ich mit", blickt Handschin kurz auf den Beginn des "Abenteuers" zurück.

Tägliches Training

Doch nach ersten Tests kam für den Oberthurgauer zuerst eine Pause: "Ich musste in die Rekrutenschule einrücken. Erst im Herbst hat mich Berger noch einmal angerufen, ob ich einen Test im Eiskanal absolvieren möchte. Im Dezember 1993 weilte ich eine Woche in Innsbruck und dort hat mich das Bob-Fieber endgültig." Wer im Sommer nicht hart an sich arbeitet, der kann im Winter nicht ernten. Das weiss auch der noch nicht 23jährige Oberthurgauer. "Momentan treffen wir uns dreimal pro Woche zum Mannschafts-Training, zusätzlich zu den mindestens drei Trainingseinheiten, die jeder einzelne absolviert. Die Standorte des Teamtrainings wechseln. Relativ häufig sind wir in Baden zu Gast, in der Nähe unseres Piloten Christian Reich.

Aber wir weilten auch schon in Eschenbach, damit Steve nicht so weit reisen musste. Gerade weil wir so weit auseinander wohnen, ist so etwas unerlässlich. Darum geniesse ich jetzt auch "Heimrecht" in Frauenfeld."

Mindestens die Nummer drei

Die Perspektiven für den Reich-Vierer sind - bei einem gewaltigen Aufwand allerdings - nicht schlecht. Vor ihnen sind im Normalfall Götschi und Rohner klassiert.

Die Nummer drei könnte das Team um Handschin sein. "Letzte Saison haben wir uns auf diese Position hochgearbeitet. Darum durften wir an der EM und im Weltcup starten. Dazu gab es eine Selektion für die WM. Heuer ist alles offen. Wir müssen unsere Leistungen bestätigen. Gelingt uns dies, dürfen wir vielleicht etwas nach vorne blinzeln, um möglicherweise der Nummer zwei Konkurrenz zu machen. Athletisch sind wir topfit."

Erste Selektionsrennen

Im Oktober stehen die ersten Selektionsrennen bevor. Dort gilt es einen Weltcup-Platz zu ergattern. Natürlich heisst das langfristige Ziel Olympische Spiele 1998 in Nagano. Darum ist der Aufwand für Handschin auch so gross: "Ich trainiere vier- bis sechsmal pro Woche. Und man darf nicht vergessen, bis im September bin ich - bei einem verständnisvollen Arbeitgeber - 100prozentig angestellt. Dann nehme ich für verschiedene Trainingslager und Wettkämpfe unbezahlten Urlaub. Das waren beispielsweise im letzten Jahr drei ganze Monate."


Aus der Thurgauer Zeitung vom 21.08.1996